Nachruf Herbert Mehrtens

(c) Jana Marie Mehrtens

Im Alter von 75 Jahren ist unser Kollege, Doktorvater und akademischer Lehrer Prof. Dr. Herbert Mehrtens nach schwerer Krankheit gestorben. Mehrtens wurde am 5. Mai 1946 in Bremen geboren. Sein Studium an der Universität Hamburg begann er im Sommersemester 1968. Er vermutete selbst, dass hier geprägt wurde, was seine wissenschaftliche Karriere auszeichnete, dass nämlich sein Interesse an Geschichte, Wissenschaft- und Technikgeschichte zeitlebens ein politisches war. Sein Hamburger Studium schloss Mehrtens 1974 mit einem Diplom in Mathematik an. 1977 promovierte er  mit einer Arbeit zur Geschichte der Mathematik. Von 1977 bis 1982 war er Assistent an der TU Berlin. Die folgenden zehn Jahren sahen Mehrtens auf unterschiedlichen wissenschaftlichen Stationen, unter anderem 1986 und 1987 als Fellow am Wissenschaftskolleg Berlin. Geprägt war diese Dekade von wiederkehrenden Phasen von – wie er es selbst bezeichnete – „wissenschaftlich produktiver Arbeitslosigkeit.“ Seine Habilitation „Moderne – Sprache – Mathematik“ erschien 1990 bei Suhrkamp. Der Untertitel „Eine Geschichte des Streits um die Grundlagen der Disziplin und des Subjekts formaler Systeme“ verweist auf eine historische Erkenntnis, die Mehrtens in Forschung und Lehre immer vertreten hat: Technik und Wissenschaft – auch eine vermeintlich „reine“ Wissenschaft wie die Mathematik – werden immer von Menschen praktiziert, die in Gesellschaften leben und in Institutionen arbeiten. Das galt auch für den Menschen Herbert Mehrtens, der seinen Studierenden gern berichtete, dass die Habilitation in den 1980er Jahren in Berlin mit dem Vorzug daherkam, dass man dem Arbeitsamt als überqualifiziert galt und fortan in Ruhe nach eigenen Vorstellungen Historiker sein konnte. 1992 nahm Mehrtens einen Ruf auf den Lehrstuhl für Wissenschafts- und Technikgeschichte an der TU Braunschweig an.

 

In den Folgejahren machte er sich als Lehrstuhlinhaber um die wissenschaftliche Community verdient, etwa als Vorsitzender der „Deutschen Gesellschaft für die Geschichte der Medizin, Naturwissenschaft und Technik (DGGMNT).“ Wissenschaftspolitisch war Mehrtens darum bemüht, die Wiedervereinigung mit der 1965 von der DGGMNT abgespaltenen „Gesellschaft für Wissenschaftsgeschichte (GWG)“ zu bewerkstelligen. Ein erster Schritt in diese Richtung erfolgte 2006, als er eine gemeinsame Jahrestagung von DGGMNT und GWG an der TU Braunschweig organisierte. Das Zusammengehen beider Gesellschaften unter dem Dach Gesellschaft für Geschichte der Wissenschaften, der Medizin und der Technik (GWMT) im Jahr 2017 konnte er im Ruhestand verfolgen.

 

Es ging in Mehrtens‘ Seminaren und Vorlesungen immer um den Spaß am Denken und die Freude daran, gesellschaftliche Verhältnisse und historische Entwicklungen zu durchschauen und zu verstehen. Seine Seminare waren im besten Sinne Gespräche mit den Studierenden. Vor allem verstand er es zuzuhören und dann Fragen zu stellen, die dazu anregten, weiter zu denken und präziser zu formulieren. Bei denen, die sich darauf einließen, veränderten diese Fragen das Verständnis von Geschichte ebenso wie den Blick auf die kulturellen Zusammenhänge des eigenen Lebens.

 

Als Hochschullehrer in Braunschweig engagierte sich Mehrtens dafür, dass die Neuorganisation der Lehre in den 2000er Jahren weiterhin seinen intellektuellen Leidenschaften genügen konnte. In das Ende seiner Amtszeit in Braunschweig fiel die Einführung der Bachelor- und des Mastergänge im Zuge der Bologna-Reformen. Zusammen mit seinen Kolleginnen und Kollegen erreichte er, dass die organisatorischen Neuerungen in den Prüfungsordnungen nicht zur Folge hatten, dass im Studium der Geschichte an der TU Braunschweig lediglich Wissen erworben wurde, welches dann in Klausuren abgefragt werden konnte. Das Geschichtsstudium müsse – wie er selbst sagte – die Ausbildung einer historischen „Denke“ sein, nicht die Vermittlung abfragbarer Inhalte. Bei aller organisatorischen Neuausrichtung blieb sein Ziel, „dass unsere Master-Studierenden in der Lage sind, eine Dissertation zu schreiben.“ Zum Ende des Sommersemester 2011 ging Mehrtens in den Ruhestand. Zu seinen die TU Braunschweig bis heute institutionell prägenden Verdiensten zählt sein Engagement für die Etablierung des interdisziplinären MA-Studiengangs „Kultur der technisch-wissenschaftlichen Welt KTW“ an der Fakultät für Geistes- und Erziehungswissenschaften.

 

Wie Mehrtens selbst sagte, war sein Werk als Historiker von den politischen Erfahrungen des Studiums in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren gekennzeichnet. Beispielhaft für diese Haltung waren etwa seine Arbeiten zur Geschichte der Mathematik. Hier sprach er von der „verantwortungslosen Reinheit“, die es deutschen Mathematikern allzu leicht gemacht habe, tiefgreifende Kollaborationsverhältnisse mit dem nationalsozialistischen Regime einzugehen.

 

Eine zweite Perspektive, die seine Veröffentlichungen mindestens unterschwellig prägte, war die Wahrnehmung eines historischen Bruchs, der das eigene Leben und die eigene Arbeit als Geschichtswissenschaftler von der Zeit vor den Jahren seit etwa 1970 unterschied. „Postmoderne“ war für Mehrtens wie für andere seiner Generation ein Begriff der Selbstwahrnehmung. Der Ausdruck transportiert die Empfindung, dass – mit dem von ihm in der Lehre regelmäßig gelesenen Clifford Geertz gesprochen – die Netze von Bedeutungen, mit denen er und seine Kolleg:innen sich selbst privat wie beruflich umgaben, sich von jenen der Kultur der Moderne fundamental unterschieden. Hier lag wohl ein wichtiger Grund dafür, dass sich Mehrtens in seinen Veröffentlichungen mit der Geschichte der technischen Rationalisierung auseinandersetze und die Bedeutung von Narrativität oder Geschlecht für die Geschichte von Wissenschaft und Technik in den Mittelpunkt der Forschung rückte. Etwas zugespitzt könnte man sagen: Für Herbert Mehrtens gingen das 19. Jahrhundert und die ersten zwei Drittel des 20. Jahrhunderts selbstverständlich davon aus, dass ihre Begriffe und Geschichten von Modernisierung, Hybris und Nemesis, natürlicher Ordnung von Geschlechtern oder der Organisation wissenschaftlicher Disziplinen die Welt so beschreiben, wie sie ist. Mehrtens‘ Arbeiten zur Kulturgeschichte von Wissen und Technik arbeiteten hingegen heraus, dass diese Verhältnisse historisch waren und immer von Individuen und Gruppen in konkreten Situationen hergestellt wurden.

 

Mehrtens‘ Veröffentlichungen zur Geschichte der Technischen Universitäten, vor allem seiner eigenen Wirkungsstätte in Braunschweig, verbinden beide Perspektiven. Die Daten und Jahreszahlen, die in der politischen Geschichte tonangebend waren und oft auch noch sind, verstellten seiner Meinung nach in mancherlei Hinsicht den Blick auf die Universität als Institution. Er verwies gerade auf die Kontinuitäten, die etwa über die Geschichte des Nationalsozialismus hinweg die Universität als wissenschaftlich-technische Organisation prägen. Die Wissenschafts- und Technikgeschichte, wie Herbert Mehrtens sie vertreten hat, berichtet nicht mehr von der Genese von Fachdisziplinen. Sie reflektiert darüber, wie wissenschaftliche Beschreibungen der Welt und technische Interventionen in die Welt Geschichte gemacht haben. Er selbst sprach davon, dass es „eine gewisse Ignoranz der Geisteswissenschaften gegenüber einer Welt“ gegeben habe, die „massivst von Technik und Naturwissenschaften geprägt ist.“ Wenn in der allgemeinen Geschichte und in den Kulturwissenschaften ein Wandel zu diagnostizieren ist, der die geschichtemachende Wirkmacht von wissenschaftlicher Repräsentation und instrumenteller Praktik anerkennt, dann hat Herbert Mehrtens seinen Anteil an dieser Entwicklung.

 

Nach anderthalb produktiven Jobeljahren – so hätte er sein Lebensalter wohl mit einem Augenzwinkern und einer Selbstgedrehten im Mundwinkel nach Leviticus 25 bemessen – ist Herbert Mehrtens am 27. Mai 2021 in Berlin verstorben. Seinen Angehörigen und seiner Familie ist das Kollegium des Instituts für Geschichtswissenschaft in tiefer Trauer und Anteilnahme verbunden.

 

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Instituts für Geschichtswissenschaft der TU Braunschweig

 

Quellen:

link.springer.com/content/pdf/10.1007%2Fs00048-006-0237-7.pdf

 

www.gibs.info/index.php

 

werkstattgeschichte.de/wp-content/uploads/2017/02/WG50_005-012_MEHRTENS_50.pdf